Die Gesamtkeimzahl in der Sammelmilch auf einem Milchviehbetrieb ist ein Maß für die Sauberkeit und hygienische Sorgfalt bei der Gewinnung und Behandlung der Milch auf einem Milchviehbetrieb. Keime sind Kleinstlebewesen, wie Bakterien, Hefen und Schimmelpilze. Milch im Euter von gesunden Kühen ist normalerweise keimfrei und wird erst beim Melken bzw. beim Behandeln mit Keimen verunreinigt. Keime sind sehr vermehrungsfähig. Da die Geschwindigkeit der Vermehrung temperaturabhängig ist, kann durch sachgerechte Kühlung die Keimzahl niedrig gehalten werden.
Eine hohe Keimzahl in der Rohmilch deutet darauf hin, dass sich Bakterien in der Milch vermehrt haben, oder vermehrt in die Milch gelangt sind. Die Ursachen können entlang der gesamten Produktionskette vom Euter bis zum Milchtank liegen und sich dabei verstärken.
Die Gesamtkeimzahl in der Rohmilch sollte bei der Entnahme aus dem Milchkühltank weit unter 100 000 Keime je ml Milch betragen. In Milcherzeugerbetrieben mit hohem Hygienestandard, eutergesunden Kühen und gut eingestellten Melk-, Reinigungs- und Kühlsystemen werden regelmäßig Werte von unter 20 000 Keimen je ml Milch erreicht.
Häufige Ursachen hoher Keimgehalte in der Sammelmilch
- Unzureichende Reinigung und Desinfektion der Melkanlage und der Melkgeräte. Dies ist eine der häufigsten Ursachen. Mögliche Probleme: Fehlerhafte Reinigung der Melkanlage, der Melkzeuge oder des Milchtanks. Zu niedrige Reinigungstemperaturen. Falsche Dosierung von Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln. Verschlissene Zitzengummis, Schläuche oder Dichtungen,
- Mangelhafte Milchkühlung. Bakterien vermehren sich besonders schnell bei höheren Temperaturen. Die Milch sollte möglichst rasch auf etwa 4–6 °C heruntergekühlt werden,
- Verschmutzte Euter und Zitzen. Schmutzpartikel enthalten große Mengen an Umweltkeimen. Häufige Ursachen: Schlechte Stallhygiene, Verschmutzte Liegeboxen, Nasse oder verschmutzte Einstreu, Fehlende oder unzureichende Zitzenreinigung vor dem Melken,
- Fehler beim Melkvorgang. Mögliche Ursachen: Keine oder unzureichende Vormelkprobe. Mangelhafte Reinigung und Trocknung der Zitzen. Melkzeuge fallen manchmal auf verschmutzten Boden. Falsche Melkreihenfolge bei euterkranken Tieren im Bestand,
- Eutererkrankungen (Mastitis). Kühe mit Euterentzündungen können große Mengen an Keimen ausscheiden und weitere Kühe infizieren,
- Mangelhafte Stallhygiene und Stallluft. Hygienemängel erhöhen den Keimdruck,
- Wasserqualität. Verunreinigtes, keimhaltiges Wasser kann die Melkanlage und damit die Milch kontaminieren,
- Lange Lagerungszeiten der Milch. Je länger Rohmilch gelagert wird, desto größer ist das Risiko einer Keimvermehrung.
Niedrige Keimzahlen stehen für eine hohe Milchqualität und werden von Molkereien oftmals durch höhere Milcherzeugerpreise belohnt. Gleichzeitig sind sie ein Zeichen für gute Melk- und Stallhygiene, was das Risiko von Eutererkrankungen senkt, und die Wirtschaftlichkeit des Milcherzeugerbetriebs verbessert. Außerdem lassen sich aus keimarmer Milch haltbarere und qualitativ hochwertigere Milchprodukte herstellen. Keimarme Milch ist eine wichtige Grundlage für die Herstellung von hochwertigen Premiumprodukten wie Käse, Joghurt oder Camembert.
Ekkehard Schröder
Bild: Archiv ADT Project Consulting